Ethereum-Update: Kann ETH an der Wertschöpfung von Ethereum teilhaben? J.P. Morgan und BlackRock bieten inzwischen tokenisierte Liquiditätsprodukte auf Ethereum an. Robinhood hat eine Ethereum-Layer-2 auf Basis des Arbitrum-Stacks lanciert. Die Depository Trust & Clearing Corporation (DTCC) in den USA entwickelt eine Tokenisierungsinfrastruktur, die eine Ethereum-kompatible AppChain umfasst und mit mehreren Netzwerken interoperabel sein soll. Die institutionelle Nutzung wird zunehmend konkret. Doch die wirtschaftlichen Kennzahlen vermitteln derzeit kein ebenso positives Bild. Der reale wirtschaftliche Wert von Ethereum, kurz REV, ist gegenüber den Höchstständen von 2023 und 2024 deutlich gesunken. Der REV umfasst Basisgebühren, Prioritätsgebühren, den maximal extrahierbaren Wert (MEV) sowie Blob-Gebühren für den Blockspace von Ethereum Layer 1. Er zeigt damit, wie viel wirtschaftlichen Wert die Netzwerknutzung für das Protokoll, die Validatoren sowie die ETH-Halterinnen und -Halter schafft.Grafik: Ethereums REV ist in den vergangenen Jahren gesunken. Nur ein Bärenmarktphänomen? | Quelle: The DeFi ReportEthereums Wirtschaft wächst, bleibt aber zyklischMan könnte argumentieren, dass es sich dabei vor allem um ein Bärenmarktphänomen handelt. Wenn das Interesse an Krypto nachlässt, gehen Handel, Hebelfinanzierung und spekulative Aktivitäten zurück. Es werden weniger Transaktionen eingereicht, der Blockspace wird weniger knapp und die Gebühreneinnahmen sinken.Ein Teil dieses Rückgangs dürfte daher zyklisch bedingt sein. Als zweitgrösster Kryptowert nach Marktkapitalisierung und führende Plattform für blockchainbasierte Finanzanwendungen soll sich Ethereum nach allgemeiner Erwartung jedoch über seine heutige Rolle als Schauplatz kryptobezogener Aktivitäten hinausentwickeln. Ob das Netzwerk seine Abhängigkeit vom Kryptomarktzyklus verringern kann, bleibt eine zentrale Frage für die Anlagethese.Diese Erwartungen sind nicht unbegründet. Ein breiteres Mass für die wirtschaftliche Aktivität sind die Einnahmen, die Anwendungen und Protokolle auf Ethereum Layer 1 erzielen. Sie können als grober Näherungswert für das Anwendungs-BIP von Ethereum betrachtet werden und messen die wirtschaftliche Aktivität, die auf dem Netzwerk stattfindet.Grafik: Das Anwendungs-BIP von Ethereum scheint sich in einem mehrjährigen Aufwärtstrend zu befinden. | Quelle: Token TerminalWie die Grafik zeigt, hat diese Aktivität im Laufe der Zeit zugenommen, bleibt jedoch stark zyklisch. Stablecoins bilden das grösste Anwendungssegment auf Ethereum. Im zweiten Quartal 2026 entfiel ein erheblicher Teil der im Datensatz erfassten Anwendungseinnahmen auf Tether und Circle. Danach folgten Staking, Kreditvergabe, der Handel an dezentralen Börsen und die Blockerstellung.AnwendungBereichErtrag Q2 2026TetherStablecoinUSD 684,4 Mio.CircleStablecoinUSD 405,3 Mio.LidoStakingUSD 153,6 Mio.AaveKreditaufnahme und -vergabeUSD 105,0 Mio.SkyStablecoin, Kreditaufnahme und -vergabeUSD 101,5 Mio.EthenaStablecoinUSD 48,4 Mio.UniswapDezentrale BörseUSD 47,4 Mio.FlashbotsBlockerstellungUSD 35,9 Mio.Ether.fiStakingUSD 27,6 Mio.Maple FinanceRWA-KreditvergabeUSD 23,0 Mio.Tabelle: Führende Anwendungen nach Ertrag im zweiten Quartal 2026 | Quelle: Token TerminalWeshalb die wirtschaftliche Aktivität für ETH relevant istDie wirtschaftliche Aktivität ist relevant, weil die Sicherheit und die monetäre Ökonomie von Ethereum mit der Nachfrage nach dem Netzwerk verbunden sind. Die Nutzerinnen und Nutzer bezahlen die Gebühren auf Layer 1 in ETH. Basis- und Blob-Gebühren werden vernichtet, während Prioritätsgebühren und MEV hauptsächlich den Validatoren zufliessen. Eine anhaltende Nachfrage nach Blockspace auf Layer 1 kann deshalb die Nettoemission verringern und die Positionierung von ETH als produktiver monetärer Vermögenswert stärken.Der Zusammenhang zwischen dem Anwendungs-BIP von Ethereum und dem ETH-Preis ist erkennbar. Er sollte jedoch nicht als einfache Ursache-Wirkungs-Beziehung verstanden werden. Beide werden von denselben grundlegenden Faktoren beeinflusst, darunter Liquidität, Risikobereitschaft, Sicherheitenwerte und Hebelfinanzierung. Höhere Preise können die Aktivität beleben, während eine stärkere Aktivität die Wahrnehmung des Nutzens von Ethereum fördern kann. Das Ergebnis ist ein reflexives System und kein einseitiger Übertragungsmechanismus.Grafik: Anwendungs-BIP von Ethereum und ETH-Preis | Quelle: The DeFi Report Krypto bleibt der grösste Kunde von EthereumEine Schwäche der On-Chain-Wirtschaft von Ethereum besteht darin, dass ein wesentlicher Teil der Aktivität innerhalb des Kryptomarkts entsteht. Der grösste Kunde des Netzwerks ist in vielerlei Hinsicht der Kryptomarkt selbst.Staking, Restaking, Token-Emissionen, besicherte Kredite, Stablecoin-Handel, Aktivitäten an dezentralen Börsen, Derivate, Brücken zwischen Blockchains und Liquidationen hängen stark von den Preisen der Vermögenswerte, der Risikobereitschaft und dem Zugang zu Hebelfinanzierung ab. In steigenden Märkten erhöhen sich die Sicherheitenwerte, die Kreditkapazität wächst und die Anleger sind eher bereit, Risiken einzugehen. Sie belehnen Kryptowerte, bewegen Stablecoins über Handelsplätze, suchen nach Rendite, stellen Liquidität bereit und erhöhen ihre Hebelwirkung über Kredit- und Derivateprotokolle. Dasselbe Kapital kann mehrfach durch das System fliessen und bei jedem Schritt Volumen und Gebühren erzeugen.Bei fallenden Preisen kehrt sich der Zyklus um. Liquidationen und ein erzwungener Abbau der Hebelfinanzierung können kurzfristig für hohe Aktivität sorgen. Sobald die Hebelwirkung bereinigt ist, gehen Kreditnachfrage, Handelsvolumen, Umlaufgeschwindigkeit von Stablecoins und Gebühreneinnahmen in der Regel zurück. Die gegenwärtige wirtschaftliche Aktivität auf Ethereum ist somit produktiv, bleibt aber stark an den Kryptomarktzyklus gebunden. Realwerte schaffen eine dauerhaftere NachfrageUm diese Reflexivität zu durchbrechen, muss ein grösserer Teil der Aktivität ausserhalb des Kryptomarkts entstehen. Deshalb sind tokenisierte Realwerte, sogenannte Real-World Assets oder RWA, wichtig. Tokenisierte Geldmarktfonds, Anleihen, Privatkredite, Aktien und andere finanzielle Ansprüche können eine Nachfrage schaffen, die mit Sparen, Zahlungsverkehr, Kapitalmärkten und Bilanzmanagement verbunden ist und nicht allein mit Kryptopreisen.Zum Redaktionsschluss war Ethereum bei der Nutzung für Realwerte klar führend. Auf dem Netzwerk wurden Realwerte im Umfang von knapp USD 15 Mrd. gehalten. Dies entsprach beinahe der Hälfte des im nachstehenden Datensatz erfassten On-Chain-RWA-Markts.Weitere Netzwerke mit Realwerten von mehr als USD 1 Mrd. waren BNB Chain, Solana, Stellar, Avalanche und Liquid, eine Sidechain von Bitcoin. Arbitrum, eine Layer-2 von Ethereum, hielt rund USD 850 Mio., während auf anderen Skalierungsnetzwerken von Ethereum kleinere Beträge lagen.Grafik: Aktive RWA-Marktkapitalisierung auf Ethereum | Quelle: DeFiLlamaDass Realwerte auf die Blockchain gelangen, entspricht genau jener Art von Nutzung, die Anlegerinnen und Anleger sehen wollen. Das heutige Volumen ist jedoch noch zu gering, um die wirtschaftliche Situation von Ethereum wesentlich zu verändern. Wichtiger ist, dass sich der Vermögenswert nicht automatisch in Gebührennachfrage übersetzt. Eine Transaktion mit hohem Wert kann nur sehr wenige Daten benötigen. Ebenso kann ein Institut einen grossen tokenisierten Fonds ausgeben, ohne häufige Transaktionen auszulösen. Die wirtschaftliche Bedeutung eines Vermögenswerts und sein Beitrag zum Gebührenmarkt von Ethereum hängen zwar zusammen, sind aber nicht identisch. Für die Gebühreneinnahmen ist letztlich die Umlaufgeschwindigkeit dieser Vermögenswerte wichtiger als ihr Nominalwert allein.Das Layer-2-Problem: Die Aktivität wächst, die Datennachfrage bleibt jedoch geringDie aktuelle Lücke wird deutlicher, wenn wir die Entwicklung auf den Layer-2-Netzwerken einbeziehen. Mit seiner Rollup-Roadmap verlagerte Ethereum die Transaktionsausführung von der Haupt-Blockchain weg, um die Kosten zu senken und die Skalierbarkeit zu verbessern. Layer-2-Netzwerke führen Transaktionen aus, bündeln und komprimieren sie und veröffentlichen die relevanten Daten anschliessend auf Ethereum. Ihre Zahlung an Layer 1 wird häufig als Miete bezeichnet. Dabei handelt es sich nicht um einen fixen Betrag, sondern um eine nutzungsabhängige Gebühr in ETH.Die meisten grossen Ethereum-Rollups veröffentlichen diese Daten inzwischen über Blobs. Ein Blob ist ein temporäres Datenpaket, das einem Ethereum-Block angefügt wird. Es ist weder ein dauerhafter Speicher noch eine allgemeine Ausführungskapazität. Stattdessen stellt es eine spezielle Form der Datenverfügbarkeit bereit, mit der sich der Zustand eines Rollups rekonstruieren, überprüfen oder anfechten lässt. Wirtschaftlich betrachtet ist die Blob-Kapazität die standardisierte Datenkapazität, die Ethereum den Layer-2-Netzwerken verkauft.Der Gebührenmarkt für Blobs wird durch zwei zentrale Parameter gesteuert. Das Blob-Ziel bezeichnet die durchschnittliche Anzahl von Blobs pro Block, auf die das Protokoll ausgelegt ist. Das Blob-Maximum ist die feste Obergrenze für einen einzelnen Block und ermöglicht, dass die Nachfrage vorübergehend über das Ziel steigt. Bleibt die durchschnittliche Nutzung über dem Ziel, steigt die Blob-Basisgebühr. Liegt sie darunter, fällt die Gebühr in Richtung ihres Mindestwerts.Die Blob-Kapazität wurde seit ihrer Einführung deutlich ausgebaut. Dencun führte Blobs am 13. März 2024 mit einem Zielwert von drei und einem Maximum von sechs Blobs pro Block ein. Pectra wurde am 7. Mai 2025 aktiviert und erhöhte diese Werte auf sechs beziehungsweise neun. Fusaka und zwei anschliessende «Blob Parameter Only»-Upgrades erhöhten sie im Dezember 2025 zunächst auf zehn beziehungsweise fünfzehn und Anfang Januar 2026 auf vierzehn beziehungsweise einundzwanzig. Die angestrebte Blob-Kapazität von Ethereum ist damit rund 4,7-mal höher als bei der Einführung.Die Aktivität auf Layer 2 nimmt zwar zu, doch die Datennachfrage wächst noch nicht schnell genug, um diese Kapazität auszulasten. Da der durchschnittliche Verbrauch in den vergangenen Monaten unter dem Zielwert von vierzehn Blobs lag, blieb die Blob-Kapazität im Allgemeinen günstig. Entsprechend fielen die Gebühren, welche die Rollups an Ethereum bezahlten, weiterhin tief aus.Grafik: Von Ethereum-Layer-2-Netzwerken an Layer 1 bezahlte Miete | Quelle: The DeFi ReportDiese Unterscheidung ist für die Anlagethese zentral. Die Aktivität von Rollups erzeugt nicht automatisch einen erheblichen Gebührenwert für Ethereum, nur weil mehr Transaktionen auf Layer 2 stattfinden oder ein höherer Nominalwert übertragen wird. Bei Rollups erzielt Ethereum insbesondere dann mehr Gebühren, wenn diese knappe, durch Ethereum gesicherte Datenkapazität nutzen und miteinander darum konkurrieren.Ein bewusster Zielkonflikt, dessen Erfolg noch zu beweisen istWie wir in einem früheren ARCHIP-Artikel erläutert haben, lässt sich die Layer-2-Strategie von Ethereum rückblickend als bewusste Selbstdisruption verstehen. Die Community akzeptierte, dass sich Aktivitäten von Layer 1 wegverlagern würden, um dafür tiefere Kosten, ein besseres Nutzungserlebnis und eine höhere Skalierbarkeit zu erreichen.Offen bleibt, ob dieses Opfer später zu einer grösseren Preissetzungsmacht führt. Eine Möglichkeit ist, dass Ethereum dem Vorbild von Amazon erfolgreich folgt: Layer-2-Netzwerke gewinnen Nutzerinnen und Nutzer sowie Anwendungen, festigen Ethereum als führende Abwicklungs- und Datenverfügbarkeitsschicht und schaffen schliesslich genügend Nachfrage, um erhebliche Mieten an Layer 1 zu bezahlen. In diesem Szenario sind tiefe Gebühren ein Instrument zur Kundengewinnung und kein strukturelles Versagen.Die Alternative ist weniger vorteilhaft. Layer-2-Netzwerke könnten weiterhin den grössten Teil des wirtschaftlichen Nutzens abschöpfen und gleichzeitig ihre Zahlungen an Layer 1 immer effizienter minimieren. Die Aktivität im breiteren Ethereum-Ökosystem könnte florieren, ohne dass ETH in vergleichbarem Umfang davon profitiert. Ethereum wäre dann als Technologieplattform erfolgreich, würde aber als wirtschaftlicher Vermögenswert unter den Erwartungen bleiben. Ethereum steht an einem strategischen ScheidewegDie nächste Phase wird von drei Prüfsteinen geprägt. Erstens: Kann Ethereum deutlich mehr Aktivitäten ausserhalb des Kryptomarkts anziehen, insbesondere Stablecoin-Zahlungen und Realwerte? Zweitens: Werden sich diese Aktivitäten in ausreichende Einnahmen für Layer 1 übersetzen? Drittens: Kann Ethereum seine Rolle als vertrauenswürdige Abwicklungsschicht bewahren, während Layer-2-Netzwerke bei Transaktionsausführung, Vertrieb und Nutzungserlebnis miteinander konkurrieren?Die Roadmap ist schlüssig. Das Ertragspotenzial ist erkennbar. Doch das Modell hat seine Tragfähigkeit noch nicht bewiesen. Ethereum muss die Nutzung seines Ökosystems in Nachfrage nach dem umwandeln, was Layer 1 letztlich bereitstellt: sichere Abwicklung, Ausführung und Datenverfügbarkeit. Der Vergleich mit BitcoinIm Vergleich dazu befindet sich Bitcoin, der älteste und gemessen an der Marktkapitalisierung grösste Kryptowert, in einer ganz anderen Phase seiner Entwicklung als Vermögenswert. Sein vorherrschendes Narrativ ist monetär: Ein knappes digitales Wertaufbewahrungsmittel ist nicht im gleichen Mass auf wiederkehrende Einnahmen angewiesen wie ein produktiver Plattformwert. Ethereum wird anhand einer Kombination aus monetärer Knappheit, Staking-Rendite, Netzwerknutzen und Gebühreneinnahmen bewertet. Seine wirtschaftliche Aktivität ist deshalb unmittelbarer für die Anlagethese relevant.Zum Redaktionsschluss zeigten die nachstehenden Daten für ETH und BTC ein ähnlich tiefes annualisiertes Angebotswachstum von rund 0,96 Prozent beziehungsweise 0,80 Prozent. Der Unterschied liegt in der Vorhersehbarkeit. Die Emission von Bitcoin ist so programmiert, dass sie beim nächsten Halving erneut sinkt. Das Nettoangebotswachstum von Ethereum hängt dagegen teilweise von der Netzwerknachfrage ab, weil die Vernichtung der Basisgebühren die Neuemission ausgleicht. Dieser Unterschied ist nicht nur technischer Natur. Er betrifft die Frage, welche Funktion der jeweilige Vermögenswert erfüllen soll.Grafik: Annualisiertes Angebotswachstum von BTC und ETH | Quelle: ArtemisSoll ETH Bitcoin ähnlicher werden?Interessanterweise wurde kürzlich ein neuer Entwurf mit der Bezeichnung EIP-8363 vorgestellt. Er soll ETH in dieser monetären Dimension stärker an Bitcoin annähern. Der Vorschlag trägt den Namen «Tapered Issuance Burn». Mit steigendem Staking-Anteil würde ein zunehmender Teil der Validatorenvergütungen vernichtet. Bei einem Anteil von rund 50 Prozent würden die Konsensvergütungen vollständig ausgeglichen. Ziel ist keine feste Obergrenze nach dem Vorbild von Bitcoin. Vielmehr soll das Protokoll die Marktteilnehmenden nicht länger dazu anregen, immer mehr ETH zu staken. Dadurch sollen die monetären Eigenschaften von nicht gestaktem ETH gestärkt werden.Die Motivation für diesen EIP liegt unter anderem in einer reflexiven Eigenschaft des heutigen Ethereum-Designs. Je mehr ETH gestakt werden, desto höher ist die gesamte Konsensemission. Dadurch steigt die Verwässerung für Personen, die ETH halten, aber nicht staken. Sie erhalten einen zusätzlichen Anreiz, ETH zu staken, nur um diese Verwässerung zu vermeiden. Das wiederum fördert weiteres Staking. Gleichzeitig wird Staking einfacher, weil die Infrastruktur reift, Liquid Staking wächst und institutionelle Verwahrer in den Markt eintreten. Es besteht die Sorge, dass Ethereum eines Tages mehr Staking vergütet, als für die Sicherheit nötig ist, während sich ETH zunehmend bei grossen Intermediären konzentriert.EIP-8363 versucht, diesen Kreislauf zu durchbrechen. Mit steigendem Staking-Anteil würde ein grösserer Teil der Validatorenvergütungen vernichtet statt ausbezahlt. ETH zu halten, ohne zu staken, wäre weniger nachteilig. Die Verwässerung würde sinken und ETH-Halterinnen und -Halter würden über die grössere Knappheit stärker profitieren. Nicht gestaktes ETH könnte zudem als Basissicherheit des Ökosystems wirksamer mit verzinslichen Staking-Derivaten konkurrieren.An diesem Punkt wird der Vergleich mit Bitcoin interessant. BTC-Halterinnen und -Halter müssen ihre Coins weder sperren noch zusätzliche Risiken eingehen, um eine monetäre Verwässerung zu vermeiden. EIP-8363 würde ETH einem solchen, stärker auf die ETH-Halterinnen und -Halter ausgerichteten Modell annähern. Das monetäre Versprechen von Bitcoin bleibt jedoch einfacher: eine feste Angebotsobergrenze und ein vorab festgelegter Emissionsplan, der weder von der Staking-Beteiligung noch von der Netzwerkaktivität oder veränderlichen Protokollparametern abhängt. Ethereum kann diese Einfachheit und Glaubwürdigkeit nicht ohne Weiteres nachbilden.Weshalb EIP-8363 umstritten bleibtAuffällig ist der Widerstand, auf den der Vorschlag in Teilen der Ethereum-Community gestossen ist. Kritiker argumentieren, dass tiefere Staking-Renditen die Validierung weniger attraktiv machen könnten, insbesondere für kleinere Betreiber und Solo-Staker. Zudem könnte die relative Bedeutung von MEV zunehmen. Die Auswirkungen könnten sich auch auf Liquid Staking sowie auf Kredit- und Sicherheitenmärkte erstrecken. Gemäss TokenLogic entfallen in On-Chain-Kreditmärkten rund 40 Prozent der hinterlegten Sicherheiten auf Liquid-Staking-Token. Eine tiefere Staking-Rendite könnte deshalb erhebliche Folgen für die DeFi-Aktivitäten haben, die auf diesen Sicherheiten aufbauen.Grafik: Liquid-Staking-Sicherheiten dominieren den TVL der Kreditmärkte. Jede Veränderung der Staking-Rendite könnte weitreichende Folgen haben. | Quelle: TokenLogicGrundsätzlicher stellt sich die Frage, ob Ethereum Bitcoin überhaupt darin übertreffen will, Bitcoin zu sein. ETH unterscheidet sich dadurch, dass es knapp und gleichzeitig produktiv sein kann: Es kann zur Sicherung des Netzwerks gestakt und als Sicherheit in der DeFi-, Stablecoin- und Realwertwirtschaft eingesetzt werden, die Ethereum aufbauen will. EIP-8363 ist aus strategischer Sicht interessant, weil der Vorschlag verdeutlicht, dass Ethereum nicht unbegrenzt für zusätzliche Sicherheit bezahlen sollte. Die Staking-Rendite gegen null zu senken, könnte jedoch zu weit gehen.EIP-8363 bleibt vorerst ein Entwurf. Zum Redaktionsschluss war der Vorschlag im offiziellen Hegotá-Meta-EIP weder zur Aufnahme vorgeschlagen noch zur Prüfung vorgesehen oder für die Aufnahme eingeplant. Damit er umgesetzt werden könnte, wären eine breitere Unterstützung durch die Core-Entwickler, eine formelle Prüfung für ein Netzwerk-Upgrade, die Implementierung in den Ethereum-Clients, erfolgreiche Tests in Entwicklungs- und Testnetzwerken sowie schliesslich die Aufnahme in einen Mainnet-Hard-Fork erforderlich. Die Debatte dürfte daher weitergehen.Wichtig ist, dass Ethereum auch ohne EIP-8363 bereits eine vergleichsweise zurückhaltende Geldpolitik verfolgt. Über den gesamten Zeitraum seit dem Merge ist das ETH-Angebot lediglich um rund 0,3 Prozent pro Jahr gewachsen. Dieser Wert liegt unter der aktuellen Emissionsrate von Bitcoin und dem jährlichen Wachstum des geförderten Goldangebots von rund 1 Prozent. Wie oben dargestellt, war das Angebotswachstum von Ethereum zuletzt höher. Über den gesamten Zeitraum seit dem Merge betrachtet, weist Ethereum dennoch eines der zurückhaltendsten Angebotsregime unter den bedeutenden monetären Vermögenswerten auf.Grafik: Historische Emission von Ethereum seit dem Merge 2022 im Vergleich mit anderen monetären Vermögenswerten | Quelle: TokenLogic Fazit: Die Wertbeteiligung von ETH ist noch nicht bewiesenDie langfristige Nutzungsthese von Ethereum bleibt glaubwürdig. Das Modell zur wirtschaftlichen Teilhabe von ETH an dieser Entwicklung ist jedoch noch nicht bewiesen. Das Netzwerk etabliert sich als führende Plattform für Stablecoins, dezentrale Finanzanwendungen und tokenisierte Realwerte. Gleichzeitig vergrössert sein Layer-2-Ökosystem den adressierbaren Markt. Die Architektur hat Blockspace und Datenverfügbarkeit jedoch auch reichlich verfügbar gemacht. Dadurch sind die Gebühren gesunken, die Layer 1 zufliessen.Für die Anlagethese ist nun entscheidend, ob Ethereum die Grösse seines Ökosystems in genügend Nachfrage umwandeln kann, damit die durch Ethereum gesicherte Abwicklung und Datenverfügbarkeit knapp werden. Gelingt dies, könnten sich die derzeit tiefen Gebühreneinnahmen als Preis für den Aufbau einer führenden Finanzplattform erweisen. Gelingt es nicht, könnte Ethereum einen enormen Nutzen schaffen, ohne dass ETH-Halterinnen und -Halter ausreichend an diesem Wert beteiligt werden. Autor: Pascal HügliPascal Hügli, Crypto Investment Manager bei Maerki Baumann und Gründer von Insight DeFi, produziert hochwertige Inhalte zu Bitcoin und Krypto und trägt damit auch zur Entwicklung von Maerki Baumann im Bereich der Blockchain- und Kryptowährungen bei. Als Dozent für digitale Finanzen und Krypto-Assets an der HWZ Hochschule für Wirtschaft Zürich verfügt er über fundiertes Fachwissen auf diesem Gebiet, das er nun auch für die Etablierung unserer Marke «ARCHIP by Maerki Baumann» einbringt. Wichtige rechtliche HinweiseDiese Publikation dient ausschliesslich Informations- und Marketingzwecken. Sie stellt keine Anlageberatung oder individuell-konkrete Anlageempfehlung dar. Sie ist kein Verkaufsprospekt und enthält weder eine Aufforderung noch ein Angebot oder eine Empfehlung zum Erwerb oder Verkauf von Anlageinstrumenten, Anlagedienstleistungen oder zur Vornahme sonstiger Transaktionen. Maerki Baumann & Co. AG erbringt keine Rechts- oder Steuerberatung und empfiehlt dem Anleger, bezüglich der Eignung von solchen Anlagen eine unabhängige Rechts- oder Steuerberatung einzuholen, da die steuerliche Behandlung von den persönlichen Verhältnissen des Kunden abhängt und stetigen Änderungen unterworfen sein kann. Maerki Baumann & Co. 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