Die stille Eroberung des digitalen Dollars In einem Internetcafé in Lagos bezahlt ein Händler seinen chinesischen Lieferanten mit USDT, einer Kryptowährung, die an den US-Dollar gekoppelt ist. In Buenos Aires wandelt eine Frau ihr Monatsgehalt in digitale US-Dollar um, bevor die Inflation es entwertet. In Singapur parkt ein Finanzunternehmen mehrere Hundert Millionen US-Dollar über Nacht in einer kurzfristigen Stablecoin-Struktur. Was diese drei Szenen verbindet, ist mehr als eine gemeinsame Technologie. Zusammen beschreiben sie einen strukturellen Wandel in der Art und Weise, wie Geld bewegt wird. Von der Krypto-Nische zur FinanzinfrastrukturIn den letzten Jahren haben sich an den US-Dollar gekoppelte Stablecoins von einer Eigenheit der Kryptowelt zu einem globalen Zahlungsmittel mit einer Marktkapitalisierung von über 318 Mrd. US-Dollar entwickelt. Ihr Transaktionsvolumen übertraf 2024 die Marke von 27,6 Bio. US-Dollar, was mehr ist als der kombinierte Jahresumsatz von Visa und Mastercard. Im Jahr 2025 beschleunigte sich das Wachstum weiter: Laut Artemis Analytics stieg das Volumen auf 33 Bio. US-Dollar. Stablecoins sind somit Teil der globalen Finanzdienstleistungsinfrastruktur geworden. Ein von wenigen Emittenten dominierter Markt Drei Anbieter beherrschen diesen Markt nahezu vollständig. Tether kontrolliert mit USDT rund 59 Prozent der Marktkapitalisierung, was einem Volumen von 187 Mrd. US-Dollar entspricht. Circle hält mit USDC einen Anteil von rund 24 Prozent, entsprechend 75 Mrd. US-Dollar. Zusammen entfallen auf die drei Anbieter 83 Prozent des Marktes. Ripple ist im Dezember 2024 mit RLUSD in den Markt eingetreten und hat seither eine Marktkapitalisierung von rund 1,5 Mrd. US-Dollar erreicht. Das Unternehmen wächst zwar rasch, bewegt sich derzeit aber auf einem anderen Niveau. Zwei Welten, zwei AnwendungsfälleDie geografische Verteilung der Nutzung offenbart eine Welt mit zwei sehr unterschiedlichen Nutzungsmotiven. In den Industrieländern – den USA, Europa und Singapur – sind es vor allem Börsen, Hedgefonds und DeFi-Protokolle, die Stablecoins einsetzen. Der Internationale Währungsfonds schätzt, dass rund 80 Prozent aller Stablecoin-Transaktionen von automatisierten Systemen ausgeführt werden: Arbitrage-Bots, Liquiditäts-Rebalancing und programmatische Handelsstrategien. USDC hat sich als bevorzugtes Instrument für institutionelle Akteure etabliert, nicht zuletzt wegen der vergleichsweise hohen Transparenz von Circle. Dazu gehören der Börsengang an der New York Stock Exchange im Juni 2025 und monatliche, von Deloitte bestätigte Angaben zu den USDC-Reserven. Zudem erklärt Circle, dass seine wichtigsten Stablecoins dem MiCA-Rahmenwerk der Europäischen Union entsprechen. Unterdessen dominiert USDT die globalen Handelsvolumina an grossen Börsen wie Binance.In Schwellen- und Entwicklungsmärkten folgt die Logik anderen Gesetzmässigkeiten und ist den alltäglichen Problemen der Menschen näher. Sub-Sahara-Afrika führt heute die globalen Nutzungsstatistiken an: 9,3 Prozent der Bevölkerung nutzen Stablecoins, in Nigeria sind es fast 12 Prozent – das entspricht rund 26 Millionen Menschen. Für viele von ihnen ist USDT kein spekulatives Instrument, sondern schlicht die praktischere Dollar-Alternative. Rund 70 Prozent der afrikanischen Staaten leiden unter akutem Devisenmangel. Unternehmen, die US-Dollar benötigen, können das Bankensystem mithilfe von Stablecoins umgehen. In Argentinien, wo die Jahresinflation 2024 noch bei über 100 Prozent lag, entfielen mehr als 60 Prozent aller Kryptotransaktionen auf USD-Stablecoins. Die Türkei, deren Lira seit 2018 mehr als 80 Prozent ihres Aussenwertes verloren hat, zeigt ähnliche Muster. In Venezuela hat die Regierung die Wirtschaft faktisch auf Stablecoins abgestützt. In ganz Lateinamerika nutzen 71 Prozent der Unternehmen Stablecoins für grenzüberschreitende Zahlungen, da sie von der schnellen Abwicklung, den niedrigen Gebühren und der Möglichkeit, Kapitalverkehrskontrollen zu umgehen, profitieren.Warum das Geschäftsmodell so ausserordentlich rentabel istUm zu verstehen, warum dieser Markt so ausserordentlich profitabel ist, muss man sich die Reservestrukturen ansehen. Jeder der drei Anbieter nimmt US-Dollar entgegen, gibt im Gegenzug Token aus und legt die Erlöse fast ausschliesslich in kurzlaufenden US-Staatsanleihen an. Gemäss dem Quartalsbericht von Tether, den die Prüfer von BDO per Ende September 2025 bestätigten, hält das Unternehmen Gesamtreserven von 181,2 Mrd. US-Dollar, davon 135 Mrd. in US-Treasuries (direkt und über Repo-Strukturen), 12,9 Mrd. in Gold und 9,9 Mrd. in Bitcoin. Bei einem Zinsumfeld von vier bis fünf Prozent auf einem Treasury-Portfolio dieser Grössenordnung belaufen sich die jährlichen Zinserträge auf rund fünf bis sechs Milliarden US-Dollar. Das Geschäftsmodell gleicht dem eines Geldmarktfonds, mit einem entscheidenden Unterschied: Keiner der Erträge muss an die Token-Inhaber weitergegeben werden. Tether erzielte 2024 einen Reingewinn von rund 13 Mrd. US-Dollar, mehr als das Doppelte des BlackRock-Gewinns im selben Jahr.Circle ist bei der Reservebewirtschaftung sowohl transparenter als auch strenger reguliert. Die USDC-Reserven setzen sich zu rund 34 Prozent aus direkten T-Bills und zu etwas mehr als 51 Prozent aus über Nacht laufenden Repos zusammen. Diese sind vollständig durch US-Treasuries besichert und werden über den BlackRock Circle Reserve Fund verwaltet. In der Praxis ist auch Circle somit ein reines, extrem kurzlaufendes US-Treasury-Portfolio. USDC selbst ist für die Inhaber im Allgemeinen kein renditegenerierendes Instrument, obwohl Circle berechtigten Kunden separate Renditelösungen anbietet. Ripple hält RLUSD-Reserven ausschliesslich in T-Bills mit einer Restlaufzeit von maximal drei Monaten sowie in FDIC-versicherten Bankguthaben, die bei BNY Mellon verwahrt und monatlich attestiert werden. Stablecoins als Käufer von US-StaatsanleihenDie Konsequenz dieser einheitlichen Anlagestrategie ist sowohl finanziell als auch geopolitisch von grosser Bedeutung: Die Stablecoin-Branche hat sich zu einem der grössten nicht-souveränen Käufer amerikanischer Staatsanleihen entwickelt. Tether rangierte im dritten Quartal 2025 nach eignen Angaben auf Platz 17 der grössten Inhaber von US-Staatsanleihen weltweit und liegt damit vor Deutschland, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Australien. Rechnet man die Bestände von Circle hinzu, kommen die beiden grössten Emittenten auf ein geschätztes US-Treasury-Exposure von 200 Mrd. US-Dollar und übertreffen damit viele souveräne Staaten. Im Sommer 2025 schätzte Apollo, dass die Stablecoin-Branche zu den grössten externen Haltern von US-Treasuries gehörte.Washington steht dieser Entwicklung wohlwollend gegenüber. Der im Juli 2025 in Kraft verabschiedete GENIUS Act verpflichtet Stablecoin-Emittenten, hochwertige liquide Reserven zu halten, darunter kurzlaufende US-Treasuries. Die Absicht dahinter ist: Jeder Dollar, der global in einen USD-Stablecoin fliesst, soll strukturelle Nachfrage nach amerikanischen Staatsanleihen erzeugen. Finanzminister Scott Bessent prognostiziert, dass die Stablecoin-Branche schon bald eine zusätzliche Nachfrage nach Treasuries von bis zu zwei Billionen US-Dollar generieren könnte. Standard Chartered und Apollo prognostizieren bis 2028 einen Gesamtmarkt von zwei Billionen US-Dollar. Bernstein geht sogar von vier Billionen bis 2035 aus. Sollten sich diese Prognosen bewahrheiten, würde die Branche acht bis zehn Prozent der ausstehenden T-Bills absorbieren und zu einem systemisch relevanten Teilnehmer im globalen Schuldenmarkt werden.Grafik: Tethers wachsende Rolle als Käufer von US-Staatsanleihen. Alle Beträge in Mia. US-Dollar. | Quelle: Tether «quarterly attestation reports and reserve updates» Europäische und chinesische BedenkenKritiker sind hingegen vorsichtiger. Ökonomen der Federal Reserve Bank of Kansas City haben darauf hingewiesen, dass ein Dollar, der in Stablecoins fliesst, ein Dollar ist, der das Bankensystem verlässt. Da Banken selbst US-Treasuries halten, könnte der Nettoeffekt auf die Treasury-Nachfrage geringer ausfallen als erhofft, während gleichzeitig die Kreditvergabe der Banken an die Realwirtschaft schrumpft. Die Columbia Economic Review kam zu dem Schluss, dass Stablecoins kein «fiskalisches Allheilmittel» sind. JPMorgan, die Deutsche Bank und Goldman Sachs beurteilten den Hype als verfrüht, ohne den zugrunde liegenden Trend zu verkennen.Eine ausgeprägte Kritik kam von jenseits des Atlantiks. Jürgen Schaaf, Berater der Europäischen Zentralbank für Marktinfrastruktur und Zahlungsverkehr, warnte, dass die Dominanz von USD-Stablecoins die europäische Währungssouveränität untergraben und die Finanzierungskosten der EU erhöhen könnte – eine digitale Verlängerung dessen, was der französische Finanzminister Valéry Giscard d’Estaing in den 1960er-Jahren als Amerikas «privilège exorbitant» bezeichnete. Die Vision einer gesamteuropäischen Handels-, Abwicklungs- und Zahlungsinfrastruktur auf Basis der Blockchain-Technologie setzt Stablecoins als zentrales Element voraus. Würde man dafür auf USD-Stablecoins setzen, würde dies die Abhängigkeit Europas von den USA eher vertiefen als verringern. China reagierte entsprechend mit Forderungen, die Entwicklung Yuan-gestützter digitaler Währungen so rasch wie möglich voranzutreiben.Das unterschätzte strukturelle RisikoDas strukturelle Risiko, das selten ausreichend Beachtung findet, liegt in der extremen Laufzeitkonzentration der Stablecoin-Reserven. Das genaue Profil eines hochliquiden Geldmarktfonds ist durch T-Bills mit einer Restlaufzeit von unter 93 Tagen gekennzeichnet. Unter normalen Bedingungen ist dies die sicherste denkbare Anlage. In einer Panik jedoch, wenn Millionen von Nutzern gleichzeitig versuchen, ihre Token einzulösen, wären die Emittenten gezwungen, kurzlaufende Anleihen «en masse» zu liquidieren. Dies könnte die kurzfristigen Zinsen abrupt in die Höhe treiben. Ein solches Szenario haben Rohit Chopra, ehemaliger Direktor des US Consumer Financial Protection Bureau, und der Berkeley-Ökonom Barry Eichengreen unabhängig voneinander als echtes Systemrisiko identifiziert. FazitStablecoins sind keine Randerscheinung in der Finanzgeschichte mehr. Sie sind die erste globale, nicht souveräne Währungsinfrastruktur, die als Währungsersatz in Entwicklungsländern, als Abwicklungsschicht in Industriemärkten sowie als strukturelle Säule der US-Staatsfinanzierung fungiert. Die Grenzen zwischen Kryptoinstrument, Geldmarktfonds und geopolitischem Werkzeug verschwimmen zunehmend – und dieser Wandel vollzieht sich bereits im globalen Massstab. Autor: Milko HenselMilko Hensel ist Teamleiter Tech Banking bei Maerki Baumann. Er ist verantwortlich für die Beziehungen zu FinTechs, unterstützt das Tech Banking-Team der Bank in der Kundenakquise und -betreuung und arbeitet in strategischen Projekten mit. Seit 2019 ist er massgeblich an der Entwicklung, Umsetzung und Weiterentwicklung der Kryptostrategie von Maerki Baumann beteiligt. Milko hat einen MBA von der University of Bradford und TIAS, Tilburg, sowie einen Bachelor-Abschluss in Banking von der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Mannheim. Wichtige rechtliche HinweiseWICHTIGE RECHTLICHE HINWEISE: Diese Publikation dient ausschliesslich Informations- und Marketingzwecken. Sie stellt keine Anlageberatung oder individuell-konkrete Anlageempfehlung dar. Sie ist kein Verkaufsprospekt und enthält weder eine Aufforderung noch ein Angebot oder eine Empfehlung zum Erwerb oder Verkauf von Anlageinstrumenten, Anlagedienstleistungen oder zur Vornahme sonstiger Transaktionen. Maerki Baumann & Co. AG erbringt keine Rechts- oder Steuerberatung und empfiehlt dem Anleger, bezüglich der Eignung von solchen Anlagen eine unabhängige Rechts- oder Steuerberatung einzuholen, da die steuerliche Behandlung von den persönlichen Verhältnissen des Kunden abhängt und stetigen Änderungen unterworfen sein kann. Maerki Baumann & Co. AG ist Inhaberin der Schweizerischen Bankbewilligung, die ihr durch die Eidgenössische Finanzmarktaufsicht (FINMA) erteilt wurde. Bitte beachten Sie, dass Maerki Baumann & Co. AG keine Rechts- und Steuerberatung anbietet. Die obenstehenden Informationen dürfen nicht als solche betrachtet werden. Es handelt sich hierbei lediglich um eine initiale Einschätzung ohne Anspruch auf Vollständigkeit und Korrektheit. Für eine abschliessende und rechtskräftige Beurteilung bitten wir Sie einen Steuerexperten zu kontaktieren. Redaktionsschluss: 30. März 2026Maerki Baumann & Co. AGDreikönigstrasse 6, CH-8002 ZürichT +41 44 286 25 25, info@maerki-baumann.chmaerki-baumann.ch | archip.ch